Please activate JavaScript!
Please install Adobe Flash Player, click here for download

Akzent Magazin_2015_06_Leseprobe

3Nr. 6 /15 [wr] Gelebte und «offizielle» Frömmigkeit stünden oft in einem oppositionellenVerhältnis, ist im Historischen Lexikon der Schweiz unter dem Stichwort «Volksfröm- migkeit» nachzulesen. Volksglaube sei Aberglaube, behauptete Jacob Grimm in seiner Deutschen Mytho- logie. Ist das tatsächlich so? Wir haben uns darüber mit Pater Leonhard,Verantwortlicher für die Wallfahrt in Mariastein, und dem Münsterpfarrer Lukas Kundert, Kirchenratspräsident und Professor an der theologi- schen Fakultät der Universität Basel, unterhalten. Es gab Zeiten, in denen Religion sowohl den priva- ten Bereich als auch das öffentliche Recht umfass- te, dies durchaus im Sinne des Begriffes «Religio», was die grundsätzliche Achtsamkeit gegenüber Vor- zeichen und Vorschriften meint.Tatsächlich begegnen wir dieser Auffassung noch heute in gewissen islami- schen Staaten, wo das Gesetz, die Scharia, sich auf den Koran stützt. Demgegenüber hat sich in der west- lichen Welt in der Folge der Aufklärung die Auffassung durchgesetzt, alles was mit Gottesverehrung zu tun habe, sei etwas Privates, Innerliches, das sich einer öffentlichen Regelung entziehe. Ihm scheine, dass sich die Vorstellung, was «Reli- gion» sei, bis zur Unkenntlichkeit verwässert habe, meint Lukas Kundert. Selbst an der theologischen Fakultät gebe es Tendenzen, gewisse ritualisierte Abläufe im alltäglichen Leben diesem Begriff zuzuord- nen – gewissermassen als Religion ohne Gottesglau- ben. Dass sich Gott in Christus inkarniert habe, eine Glaubensgewissheit, die über Jahrhunderte Gültig- keit hatte, werde heute von achtzig Prozent der Refor- mierten, darunter auch Pfarrerinnen und Pfarrer, nicht mehr geteilt, fährt der Münsterpfarrer fort. Für sie sei Jesus, ähnlich wie für die Muslime, ein Prophet, ein besonderer Mensch, mehr nicht. «Die meisten Leute sind theologisch nicht geschult und nicht in der Lage, intellektuell zu begründen, wer Christus ist», bestätigt der Benediktinerpater Leon- hard. Worauf es aber ankomme, sei nicht die offiziel- le Definition, sondern die Erkenntnis des Beziehungs- angebotes Gottes durch Christus. Nicht die offizielle Definition. Damit sind wir bei unse- remThema: demVolksglauben, jener Form von Fröm- migkeit, die das umschliesst ,«was Menschen in Bezug auf die ausser- und übernatürlicheWelt ausserhalb der herrschenden Religion für wahr halten und was daher ihr Fühlen, Denken und Handeln mitbestimmt.»1 1 GeoThemenlexikon Religionen

Seitenübersicht